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WUNDER WUNDER ist eine Ausstellung über die Grenzen abendländischer Rationalität: an ihren Rändern, in ihrem Innern und in ihrer Geschichte. Werke der Gegenwartskunst umkreisend, präsentiert die interdisziplinäre Ausstellung das, was in unserer Welt aus dem Rahmen fällt: von der unerklärlichen Heilung, dem unglaublichen Naturschauspiel und dem wundersam Fremden über die unverhoffte technische Innovation, die künstlerische Idee bis hin zum bewegenden Gemeinschaftserlebnis. Die Exponate zeichnen nach, wie christliche Religion und antike Naturphilosophie die abendländische Vorstellung des Wunders geprägt haben. Das Wunder wird so kenntlich als eine Öffnung in der Welt, aus der Kunst, Wissenschaft und Technik hervorgegangen sind. Diese Öffnung verweist jedoch immer auch auf einen Mangel, eine Lücke, die zu schließen ebenso ersehnt wie unmöglich ist. Die Konstellationen aus Kunstwerken und Objekten provozieren Fragen an die Geschichte und an das kulturelle Selbstverständnis. Nicht zuletzt macht die Ausstellung die Sehgewohnheiten und Erwartungen gegenüber einem Museum für Gegenwartskunst selbst zum Thema, indem sie der kindlichen Perspektive eine besondere Aufmerksamkeit widmet. Eine „Kinderspur“, die als eigenständiges Element nur Kindern zugänglich ist, zieht sich durch die ganze Ausstellung und relativiert die Expertise des Erwachsenen im Blick auf die Kunst. Zwischen den Traditionen und Disziplinen hin und her wandernd, stellt die Ausstellung das abendländische Weltbild und seine fragile Fähigkeit zur Sinngebung zur Diskussion, indem sie die einzigartige Verbindung religiöser, wissenschaftlicher und künstlerischer Motive mit alternativen Sichtweisen vergleicht – und nach dem Potential der Kunst fragt, zwischen diesen Sichtweisen zu vermitteln. Die Ausstellung zeigt Werke von Francis Alÿs, Kader Attia, Joseph Beuys, Dara Birnbaum, Cosima von Bonin, Olga Chernysheva, Nathan Coley, Ceal Floyer, Björn Dahlem, Ellen Gallagher, Hans Graf, Andreas Gursky, Susan Hefuna, Susan Hiller, Jonathan Horowitz, Sven Johne, Helmut & Johanna Kandl, Martin Kippenberger & Albert Oehlen, Julia Kissina, Terence Koh, Igor & Svetlana Kopystiansky, Philipp Lachenmann, Mark Leckey, Armin Linke, Ingeborg Lüscher, Melanie Manchot, Kris Martin, Hiroyuki Masuyama, Henri Michaux & Eric Duvivier, Julia Montilla, Timo Nasseri, Paul Nougé, Reto Pulfer, Julien Prévieux, Walid Raad/The Atlas Group, Johann von Schraudolph, Thomas Schütte, Shirana Shahbazi, Katharina Sieverding, Roman Signer, Thomas Struth, Alina Szapocznikow, Larry Sultan & Mike Mandel, Fiona Tan, Javier Téllez, Jalal Toufic, James Turrell, Timm Ulrichs, Susan MacWilliam und Erwin Wurm sowie eine Vielzahl wissenschaftlicher und kulturhistorischer Exponate wie die „Wunderwaffe“ V2, das Hamburger Patent für die Wunderkerze, historische Wundergläser, Votivbilder, ein heilmagnetisches Benediktuskreuz, Sal mirabilis, Seligsprechungsakten, einen Prachtkoran, Tiefseefische, Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, ein Perpetuum Mobile sowie Zauberstäbe, Wunderpillen, Hexenkessel und Goethes Zauberkasten. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Snoeck Verlag, Köln, mit 200 Abbildungen und Essays namhafter Autoren wie Zygmunt Bauman, Robert Pfaller und Peter Geimer erschienen. Pressestimmen „Darin liegt überhaupt der dramaturgische Kniff dieser Schau, dass sie die Prämisse des Wundergedankens in ihrer Struktur thematisiert: Wir sind ja alle, wie der ungläubige Thomas, Zweifelnde, die einen überprüfbaren Beweis für ihre Hingabe wollen, nur dass es, wenn es um Kunst geht, nicht die Wundmale sein müssen, es genügt uns das Plazet eines Sammlers oder die Weihen eines Kurators. Hier in den Deichtorhallen aber gerät man aus dem Sich-Wundern nicht heraus. ... „Die Kunst ist nach Auffassung der Ausstellungsmacher in besonderer Weise prädestiniert, sich den Rändern des Rationalen mittels Wahrnehmung und Empfindung zu nähern. Sie wird sozusagen zum dritten Spieler im vormaligen Duell von Religion und Wissenschaft. In ihr können Unsicherheiten, Brüche und Fragen verhandelt werden, ohne auf eine Transzendenz zu verweisen, aber auch ohne eine totale Berechenbarkeit der Welt im Sinne der Naturwissenschaften anzunehmen. ... „Daniel Tyradellis und seinen Mitstreitern geht es auch hier nicht um die Frage nach der einzig selig machenden Wahrheit. Ähnlich wie in ihren früheren Ausstellungen interessiert sie vor allem das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven. In den Deichtorhallen stehen daher technische Artefakte neben Kunstwerken, Alltagsobjekte neben religiös aufgeladenen Symbolen. Der Blick des routinierten Museumsbesuchers, der schon immer weiß, wie er die Dinge zu betrachten hat, wird damit ein ums andere Mal in die Irre geleitet. Diese Verunsicherung des Schauens ist für Tyradellis ein wesentliches Element seiner Ausstellung. Schließlich sei ‚die Fähigkeit, sich über vorgestanzte Wahrnehmungsschemata hinwegzusetzen’, die Bedingung dafür, Wunder überhaupt wahrzunehmen. ...
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